Geisterstadt
Oradour-sur-Glane


Ort eines unmenschlichen Massakers
gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.


Das nachfolgende Gedicht entstand am Abend
des 10. Juni 1944, kurz nachdem die Nachricht vom
Massaker von Oradour

den französischen Dichter Jean Tardieu erreichte.
Jedes Schulkind in Frankreich kennt es heute.

Oradour hat keine Frauen mehr
Oradour hat keinen einzigen Mann mehr
Oradour hat keine Blätter mehr
Oradour hat keine Steine mehr
Oradour hat keine Kirche mehr
Oradour hat keine Kinder mehr

keinen Rauch mehr kein Lachen
kein Dach keine Speicher
keine Heuschober keine Liebe
keinen Wein keine Lieder mehr.

Oradour, ich habe Angst zu hören
Oradour, ich wage nicht
mich deinen Wunden zu nähern
deinem Blut deinen Trümmerstätten
ich kann nicht ich kann
deinen Namen weder hören noch sehen.

Jean Tardieu
1903-1996


Natürlich ist Oradour-sur-Glane kein Lost Place, sondern ein Mahnmal. Oradour ist eine wichtige Erinnerung daran, was Menschen anderen Menschen antun können, wenn Sie verblendet, voller Hass und völlig enthemmt sind.

Konkret: Am 10. Juni 1944 umstellten kurz nach 14 Uhr rund 150 Soldaten der 3. Kompanie des zur 2. SS-Panzer-Division „Das Reich“ gehörende SS-Panzergrenadier-Regiments 4 („Der Führer“) den Ort und metzelten im Verlauf des Nachmittags im Rahmen einer sogenannten Strafaktion 642 Einwohner des Dorfes Oradour-sur-Glane nieder.

Die Männer wurden zuerst abgeführt und anschließend in den Garagen des Dorfes oder Scheunen erschossen. Damit aber nicht genug: Die SS-Schlächter sperrten über 460 Kinder und Frauen in die Kirche des Dorfes ein, um sie anschließend in Brand zu stecken. Nur sechs Personen konnten sich – meist schwer verletzt – retten. Sie überlebten. Alle übrigen Einwohner starben einen qualvollen Tod.

Dies aber nicht genug. Die deutschen SS-Soldaten verstümmelten anschließend die Leichen, übergossen Sie mit Benzin, um sie anzuzünden. Die Menschen starben in gewisser Hinsicht zweimal. Einmal, weil man ihnen das Leben nicht gönnte. Und ein zweites Mal, weil man ihnen die Würde selbst im Tode nahm. Lediglich 52 Personen konnten später identifiziert werden – alle übrigen Leichen waren bis zur völligen Unkenntlichkeit entstellt. Nachdem die SS ihr blutiges Handwerk verrichtet hatte, plünderte sie die Häuser der ermordeten Einwohner, um sie anschließend allesamt im Brand zu stecken.


Geisterstadt - Oradour-sur-Glane

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      Mein Rundgang durch Oradour-sur-Glane begann mit einer gewissen Leichtigkeit. Ich wollte Bilder von dem Ort machen. Also reiste ich knapp 800 Kilometer an ... und startete den Tag mit herrlichen Sonnenlicht. Später, nachdem ich mir einige Häuser ansah, stieg in mir nach und nach ein ziemlich beklommenes Gefühl auf. Es muss gar nicht viele Mahntafeln geben. Die Wirkung dieses Ortes entfaltet sich auch so. Tage später musste ich noch an meinen Rundgang denken.


Das Massaker von Oradour hat sich in das kollektive Gedächtnis der Franzosen eingebrannt. Als Mahnmal ließ die französische Regierung das ehemalige, zerstörte Dorf stehen und errichtete eine neue Siedlung abseits davon. Jedes Schulkind in Frankreich kennt die Geschichte dieses Dorfes. Im Gegensatz dazu ist sie in Deutschland weitgehend unbekannt. Und das, obwohl das Massaker von Oradour das schlimmste Ereignis dieser Art während des Zweiten Weltkriegs in Westeuropa war. Es hat bis 2004 gedauert, bis die deutsche Regierung das Massaker als Kriegsverbrechen anerkannt.

Angesichts des Umstands, dass das Massaker von Oradour in Deutschland kaum bekannt ist, begrüßte ich es außerordentlich, dass Bundespräsident Joachim Gauck im September 2013 Oradour-sur-Glane besuchte und dort zusammen mit dem französischen Präsidenten François Hollande ein Zeichen setzte. „Dieser Ort und seine Bewohner wurden in einem barbarischen, in einem zum Himmel schreienden Verbrechen vernichtet. … Wir werden Oradour und die anderen europäischen Orte des Grauens und der Barbarei nicht vergessen“ so Glauck. Diese Sätze haben mich sehr beeindruckt.


Geisterstadt - Oradour-sur-Glane

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Bevor ich es vergesse!


Die Täter von Oradour lebten in Deutschland bin in die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts.
Keiner von ihnen musste wegen seiner Gräueltat eine Strafe verbüßen.




Wissenswertes!


Wenn Du mehr über das Massaker von Oradour wissen möchtest, empfehle ich Dir eine Dokumentation bei Youtube. Sie ist sehenswert, aber auch „schwere Kost“.



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