Ghost Towns



Geisterstädte
Verlassene Ortschaften
Lost Places


In der Fremde erfährt man,
was die Heimat wert ist,
und liebt sie dann um so mehr.

Ernst Wichert
1831 - 1902


Geisterstädte - verlassene und vergessene Orte


Der Volksmund versteht unter einer Geisterstadt (engl. ghost town) eine abgelegene und von früheren Bewohnern schon vor vielen Jahren aufgegebene Siedlung. Sie besteht meist aus einer Ansammlung mehr oder weniger verfallener Gebäude. Im weiteren Sinne bezeichnet man jedoch auch kleinere Orte, in denen kaum noch Menschen leben und deren Straßen deswegen verlassen wirken, als Geistersiedlung oder Geisterdorf.

Wahre Klassiker unter den Geisterstädten sind die Diamantenstädte Elisabethbucht und Kolmanskop in Namibia. Einst belebt und beliebt – dann aufgegeben, weil die Diamantenminen, die sich in Nähe zu den Orten befanden, geschlossen wurden. Denkt man an Geisterstädte, kommen einem jedoch auch schnell die heute schlummernden Goldgräbersiedlungen in den Vereinigten Staaten in den Sinn. Ich spreche von Orten wie Bodie, Calico oder Jerome in den USA. Sie zählen ebenfalls zu den Klassikern. Sie ereilte im vorletzten Jahrhundert das gleiche Schicksal. Der Goldrausch war vorbei … die Städte wurden aufgegeben und sind heute eine schaurig schöne Touristenattraktion.

Man könnte also meinen, dass nur Siedlungen aus längst vergangenen Zeiten als Geisterstädte enden. Und, dass das in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr vorkommt. Falsch. Ich denke beispielsweise an Kadyktschat in Russland. Weit ab der nächsten Siedlung wurde der Ort erst Mitte des letzten Jahrhunderts von Kriegsgefangenen aus dem Boden gestampft und diente lange Zeit als Bergbausiedlung. Auch das bewegende Schicksal von Prypjat in der Ukraine ist ein gutes Beispiel. Der Ort liegt quasi in Sichtweite des Unglücksreaktors von Tschernobyl und musste nach dem Unglück im Jahr 1986 wegen der hohen Strahlenbelastung von seinen Bewohnern (widerwillig) aufgegeben werden.

Aus europäischer Sicht liegen all diese Ortschaften irgendwo im Nirgendwo. Weit weg und somit für uns nicht greifbar … also nicht existent. Es bleibt also der Eindruck, dass es Geisterstädte in Europa nicht gibt. In gewisser Weise: Was nicht sein kann … das ist auch nicht. Der Siedlungsraum in Europa in knapp, die Grundstückspreise hoch. Da wird doch nicht eine komplette Gemeinde ihr Hab und Gut aufgeben, die Heimat verlassen, um an einen anderen Fleck der Erde ganz neu anzufangen.

Ebenfalls falsch. Geisterorte gibt es auch in Europa. Und gar nicht so wenig wie man annehmen könnte. Beginnen wir einfach mal und beispielhaft in Italien. Dieses erdbebengeplagte Land hat hinsichtlich „moderner Geisterstädte“ einiges zu bieten. Besonders bekannt durch Film und Fernsehen ist sicherlich die Geisterstadt Craco in Süditalien. Weniger bekannt wird die sizilianische Stadt Poggioreale sein. Das ist ein kleiner Bergort, der 1968 nach einem schweren Erdbeben von den Menschen aufgegeben werden musste und der noch heute den Eindruck einer (lediglich) schlafenden Stadt vermittelt.

Ja, man soll die Fremde kennenlernen,
aber früher noch die Heimat,
man soll soviel als möglich sehen,
aber vor allem sein eigenes Vaterland,
und wer die Fremde besser kennt als die Heimat,
in der er lebt, der wird aufgeblasen,
verschroben und manchmal dumm.

Peter Rosegger
1843-1918

GHOST TOWN | Geisterstadt Immerath - Stadtansicht Immerath - Deutschland

Geisterstadt Immerath - Nordrhein-Westfalen - Deutschland



Gibt es auch Geisterstädte in Deutschland?


Ja. Eindeutig JA! Es gibt sie. Die Gemeinden Immerath und Borschemich in Nordrhein-Westfalen sind bei uns das geläufigste Synonym für eine Geisterstadt. Ihr Schicksal unterscheidet sich von den zuvor genannten Städten erheblich. Denn hier gehen die Menschen nicht freiwillig weg, sondern sie wurden beziehungsweise werden umgesiedelt … unter Zwang. Grund: Der Tagebergbau Garzweiler II frisst sich an die Dörfchen heran und sein Hunger ist noch längst nicht gestillt. Also weichen die Menschen … ihre Häuser werden dem Erdboden gleich gemacht. Und anschließend kommen die riesigen Schaufelbagger der RWE und verschlingen das Übriggebliebene. Etliche Fotografen dokumentierten den Niedergang der beiden Gemeinden. Und auch mich faszinierte ihr Schicksal, sodass ich sie seit 2014 wiederholt besuchte.


Geisterstadt Borschemich

Deutschland - 8 Besuche

Herbst 2018 ... wenn ich diese Zeilen schreibe, wird die Geisterstadt Borschemich mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits Geschichte sein. Sie teilt ihr Schicksal mit etlichen Gemeinden in NRW, die allesamt dem Tagebergbau in dieser Region zum Opfer fallen. Pier ist schon verschwunden. Immerath wird bald folgen. Die Einwohner kämpften lange. Vergeblich. Der Energiehunger unserer Nation hat Vorrang. Also musste Borschmich weichen.

Geisterstadt Immerath

Deutschland - 11 Besuche

Seit ich vor Jahren vom Schicksal der Geisterstadt Immerath erfuhr, lassen mich die Geschicke dieser einst schnieken Gemeinde in NRW nicht mehr los. Ich habe Immerath inzwischen vielfach Besucht und war immer wieder auf ein Neues schockiert. Die vielen Gesprächen mit den ausharrenden Einwohnern - den wenigen, die bis zu meinem letzten Besuch geblieben sind - machen mich traurig. Ich denke da beispielsweise an die alte Dame, deren sehnlichster Wunsch war, noch vor ihrem (Zwangs-) Umzug sterben zu dürfen. Sie wollte den Ort Ihre Kindheit, ersten Liebe und ihres Altwerdens nicht mehr verlassen.

Geisterstadt Hahn

Deutschland

Flughafen Frankfurt-Hahn ist vielen Menschen ein Begriff. Doch nur die wenigsten von ihnen kennen das Schicksal der ehemaligen US-Siedlung gleich nebenan. Einst blühte hier das Leben. Für die Soldaten und ihre Familien wurden eigens schicke Bauten oder mindestens annehmbare Reihenhäuser errichtet. Heute ist der Ort nur noch ein Trauerspiel, der langsam wieder zu neuem Leben erwacht. Aber er ist ein Schatten seiner Vergangenheit.

Geisterstadt Pier

Deutschland

Pier gibt es nicht mehr. Alles weg. Der kleine Geisterort ist dem Tagebergbau in NRW zum Opfer gefallen. Weitere Gemeinden werden folgen. Zum Glück führte mich vor einigen Jahren eine Fototour mit Freunden in die Region. Und wir schauten uns die kläglichen Überreste von Pier an. Es standen seinerzeit nur noch sehr wenige Häuser. Drumherum war schon alles abgerissen. Es war wahrlich gespenstisch. Und traurig.

Geisterdorf Wollseifen

Deutschland

Dieser Geisterort abseits einer größeren Stadt unterscheidet sich von allen übrigen Geisterstädten, die ich bisher in Deutschland besuchte. Das kleine Dorf Wollseifen ist schon lange Geschichte. Es wurde abgerissen, um einem Übungsplatz der Armee zu weisen. Blanke Häuser, in denen die Soldaten den Häuserkampf trainieren konnten. Irgendwann war das an diesem Lost Place nicht mehr spannend. Man sah sich nach einem anderen Gelände um ... und vergaß Wollseifen.

Geistersiedlung Harper

Deutschland

Erraten: Natürlich heißt die Geistersiedlung Harper nicht so. Ich habe diesem Lost Place den Namen zum Schutz gegeben. Denn mein letzter Besuch offenbarte mir einen schrecklichen Zustand dieser ehemaligen US-Siedlung. Frühere Besucher haben deutliche Spuren hinterlassen und tobten sich regelrecht aus. Zerbrochenes Glas, eingetretene Haustüren. Und so weiter. Schrecklich. Das hat dieser Geisterort nicht verdient. War es doch einst eine US-Mustersiedlung auf deutschem Boden.

Nicht da ist man daheim,
wo man seinen Wohnsitz hat,
sondern wo man verstanden wird.

Christian Morgenstern
1871 - 1914

Bildergalerien: Geisterstädte in Europa


Eins meiner großen Reiseziele ist noch, die verschiedenen verlassenen Dörfern im Norden Italiens zu besuchen. Geschafft habe ich das leider noch nicht, auch wenn eine solche Reise ganz oben auf meiner Liste steht. Dennoch fand ich auch im übrigen Europa einige Geisterstädte, die mich sehr beeindruckten. Hervorheben möchte ich die Ortschaft Doel in Belgien, die zum Mekka für Fotografen entwickelte. Sehenswert, für jeden, der sich für solche Dinge interessiert.

Geisterdorf Doel

Belgien

Seit Jahren schon soll das Geisterdorf Doel in der Nähe von Antwerpen dem bereits riesigen Hafen der Stadt weichen. Aber die Bewohner sind nicht klein zu kriegen. Einige harren aus. Und warten. Worauf? Unbekannt. Das Schicksal der Gemeinde wird sich nicht mehr wenden. Sie warten auf den Untergang, denn sie wollen Ihre Heimat nicht aufgeben. Gut nachvollziehbar.


Geisterstadt Oradour-sur-Glane

Frankreich

Oradour ist keine Geisterstadt im eigentlichen Sinne. Es ist ein Museum. Zum Gedanken an die vielen Menschen, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von der Wehrmacht ermordet wurden. Man kann Oradour mit dem nötigen Respekt vor den Toten besuchen und erahnen, welchen Schrecken dieser Ort gesehen hat.

Geister(ferien)siedlung Dolimarts

Belgien

Viele Belgier der älteren Generation kennen diesen heute vergessenen Fleck Erde noch. Die Geistersiedlung Dolimarts war einst ein beliebtes Ferienparadies. Abseits der nächsten Stadt. Mitten im Wald. Mit guter Aussicht auf die umliegende Landschaft. Heute kann man das nur noch erahnen. Die Siedlung wurde schon vor Jahren aufgegeben. Sie schlummert ihrem Ende entgegen.

Geisterstadt Poggioreale

Italien - Sizilien

Das wundervoll gelegene Bergstädtchen Poggioreale schlummert nun schon seit vielen Jahrzehnten. Ein Erdbeben bedeutete das Ende dieses kleinen Ortschaft, von der man aus einen wundervollen Rundblick über die Landschaft von Sizilien hat. Die Menschen verließen nach dem Erdbeben Haus und Hof, um sich ganz in der Nähe eine neue Heimat aufzubauen. Ihre Häuser stehen noch heute und zeugen von vergangenen Zeiten.

Geisterdorf Courbefy

Frankreich

Quelle tragédie!!! Irgendwo im ländlichen Nirgendwo Frankreichs fand ich das Geisterdorf Courbefy. Ich hörte schon vor einiger Zeit von diesem Ort, der 2008 von seinen wenigen Bewohnern aufgegeben wurde und seither verwaist ist.

Geisterdorf Marcadoiro

Spanien

Ich bin jetzt schon mehrfach den Jakobsweg gegangen, doch erst zuletzt begann ich Abstecher vom Weg zu machen, um mir die Dörfer ganz in der Nähe anzusehen. Dabei stieß ich auf das Geisterdorf Marcadoiro. Vielleicht ist "Dorf" auch schon etwas wohlwollend formuliert. Dieser Fleck Erde fasst einige Häuser zusammen. Meist sind sie baufällig (oder wirken jedenfalls so). Ein altes Ehepaar traf ich. Mit ihren fünf Kühen. Mehr Menschen leben hier nicht.

Geisterdorf Borgo di Toiano

Italien - Toskana

Sommer 2010. Stundenlang war ich auf der Suche nach diesem kleinen Geisterdorf abseits großer Ortschaften mitten im Herzen der Toskana. In dem Fall kann man sogar sagen: Mitten im Nirgendwo. Irgendwann wies mir ein Bauer den Weg und ich stand vor einer Ansammlung längst verfallener Häuser. Auf dem nahe liegenden Friedhof war mehr Leben als in den Gassen von Borgo di Toiano. Einzig eine uralte Frau lebte dort noch und möchte bei all dem Verfall um sie herum ihre Heimat nicht aufgeben. Sie wartet hier auf ihren Tot und möchte dann von den Verwandten auf dem besagten Friedhof begraben werden ... wo schon ihre Eltern liegen.

Geisterdorf Valtuille de Arriba

Spanien

Valtuille de Arriba macht vordergründig einen recht guten (also belebten) Eindruck. Es scheint kein wahres Geisterdorf zu sein, weil hier angeblich noch einige Menschen leben. Und damit meine ich nicht nur die Alten und Gebrechlichen, die auf ihre "letzten Tage" nicht mehr umsiedeln wollen. Ich habe das Dörfchen nun schon im dritten Jahr besucht, weil es vom Jakobsweg gequert wird.

Geisterdorf San Cristovo do Real

Spanien

San Cristovo do Reale. Man würde es nicht vermuten: Die erste dokumentierte Erwähnung des winzigen Dörfchens San Cristovo do Reale am Fluss Oribio in Spanien (Provinz Lugo, bei Samos) reicht in das Jahr 1175 zurück. Groß war die Gemeinde noch nie, doch dass sie in den letzten Jahren einen solchen Niedergang erlebt, hätten die wenigen Menschen, die hier heute noch leben, mit Sicherheit nicht erwartet.

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