Geisterstadt Immerath.

Ein sterbendes Dort in Nordrhein-Westfalen.
Bald wird es komplett verschwunden sein.
Es muss dem Tagebergbau Garzweiler II weichen.

Geisterstadt in Deutschland.
Lost Place.

Geisterstadt Immerath im April 2016

Immerath … im April 2016. Wechselhaftes Wetter … wie das Wetter waren auch meine Gefühle als ich durch die sterbende Gemeinde ging. Der Abriss frisst sich langsam in das Zentrum vor. Er knabbert sich nach und nach von den Rändern voran und hat schon den inneren Ring des Örtchens erreicht. Etliche Häuser, die ich in den letzten Monaten fotografierte, sind inzwischen Geschichte. Übrig blieb aufgewühlte Erde, teilweise schon wieder mit Gras überwuchert. Und weite Teile des Zentrums wurden vom Abrissunternehmen abgesperrt. Rot-weißes Flatterband soll markieren, dass man den Bereich dahinter doch bitte nicht betreten soll (oder darf). Wachdienst überall. Leider viel zu aufmerksam, denn ich wurde mehr als einmal angesprochen, den Bereich hinter dem Flatterband nicht zu betreten. Putzig fand ich bei dem dann immer entstehenden Dialog folgende Formulierung eines Wachdienstlers: „… würden Sie ein Haus betreten, nur weil die Tür offen steht!“ Mir war natürlich klar, was er damit meinte. Meine Antwort lautete allerdings „… hier gibt es ja weder ein Haus noch eine Tür, durch die ich schreiten kann. Ich weiß gar nicht was sie meinen!“ Und durch den Kopf ging mir, dass ich ja auch Lächeln muss, damit der gute Herr nicht in Wallungen kommt.


Immerath stirbt. Langsam. Unaufhaltsam. Viele Häuser wurden inzwischen dem Erdboden gleich gemacht. Das Krankenhaus und ehrwürdige Kloster sind verschwunden. Und andere Gebäude sind gerade dabei, das Zeitliche zu segnen. Vor wenigen Tagen wurden auch die Überreste der Verstorbenen auf dem alten Friedhof umgebettet. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was in dem Kopf ehemaliger Bewohner vorgeht, wenn das geliebte Eigenheim nur noch zu Hälfte steht und der Rest zu einem Schutthaufen zusammengehäuft wurde.

Für mich steht eins fest: Ich muss unbedingt und bald wiederkommen. Denn es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis von diesem schönen Flecken Erde nichts mehr übrig ist. Schamvoll ging mir ein Bild durch den Kopf, welches ich hier nicht verschweigen will: Ich sah vor meinem geistigen Auge eine weite Brachlandschaft. Nichts war mehr das. Kein Haus, Kein Baum. Nur noch die herrliche Kirche. Und auch sie war umringt von Abrissbaggern. Sie warteten nur auf das Kommando, ihr zerstörerisches Werk zu vorbringen.

Ich musste bei meinem Rundgang durch Immerath erneut an die alte Frau denken, mit der ich vor genau zwei Jahren im April 2014 (bei meinem ersten Besuch der Gemeinde) ausgiebig sprach. Mir gingen ihre Worte durch den Kopf: "Was soll ich woanders? Ich sterbe eh bald und vielleicht ist es mir ja vergönnt, noch vor meinem Umzug das Zeitliche zu segnen. Meine Familie lebte hier seit Ewigkeiten. Mein Vater und Großvater waren Bauern und ernährten sich von dem, was der Boden hergab. Und jetzt wird mir dies zum Verhängnis."

Was mag wohl aus ihr geworden sein? Lebt sie noch und hat auf ihre letzten Tage irgendwo einen Neustart gewagt? Fristet sie wohlmöglich ihre letzten Tage in einem Altersheim ganz in der Nähe? Ihr Haus steht auf jeden Fall noch. Es ist verriegelt und verrammelt - wie die übrigen Häuser. Doch es befindet sich in einer Region, die bald dran ist.


Geisterorte




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